Das Osterrelief auf dem Felsberger Fl├╝gelaltar, Foto: Kirchenrat Gerhard Jost, Kassel

Ein heilig-unheimeliges Bild malt der Evangelist Johannes im 21. Kapitel seines Evangeliums für uns zum österlichen Bedenken: "Der Auferstandene am See Tiberias", also am See Genezareth, der zur Römerzeit nach der größten Stadt am See, eben Tiberias, hieß. Die beteiligten Personen dieses Auferstehungsberichts sind wieder dort, wo sie hergekommen sind. 7 Jünger Jesu, aber mit ihm am See.

Durch die Hockstellung und die leichte Versetzung von jeweils 3 Jüngern sind 6 der Jünger und Jesus durch die Hand von Holzbildhauer Andreas Tollhopf in Lebensgröße auf dem Osterrelief des Flügelaltars,  Fläche wieder nur 2 qm  Eichenholzbohlen auf der Rückseite des Weihnachtsreliefs dargestellt. Nur einer der sieben Jünger birgt verkleinert im Hintergrund das prall gefüllte Fischnetz. Auch das Kohlefeuer und das Schiff auf dem See nur klein, aber deutlich zu sehen. Dem Bildhauer sind die Freiflächen wichtig, und hierin ist eine außergewöhnliche Leistung zu sehen: 8 Personen und Symbole und immer noch so viele Freiflächen. Eindrucksvoll fällt die Hervorhebung der Hände und Füße und Brot und Fisch, die Jesus darreicht, ins Auge und dazu Jesu Beine, die durch eine ganz zarte Art und Weise durch sein Gewand schimmern, als sei es aus Seide. Ebenso bemerkenswert zart, fast vornehm die Jünger-Fingerhaltung mit einem Stück Brot. Das Osterfrühstück am See ist ein Abendmahl. 

Zurück zum Evangelium, dem Grund des Kunstwerks: Spricht der Praktiker Petrus: "Ich gehe wieder fischen." Sagen die anderen: "Klar, wir kommen mit." Sie plagen sich die ganze Nacht. Ergebnis: Gleich Null. Dann kommt die Dämmerung, dann die Sonne über die Golanhöhen, ihre Gesichter hellen sich nicht auf wie die Sonne den See. Sie steuern das Ufer an. Dort steht einer, aber sie erkennen ihn nicht. Der ruft ihnen eine Frage zu, die sie ob ihres Misserfolgs ihrer nächtlichen Arbeit hätte zornig machen können: "Kinder, habt ihr nichts zu essen?" Die Antwort lautet kurz und knapp: "Nein." Er weiß es besser: "Werft das Netz noch einmal steuerbord aus, ihr werdet fangen." Die Sieben tun das ohne zu murren und fangen gewaltig. Da erkennt Jesu Lieblingsjünger: "Es ist der Herr!" Da wirft sich Petrus sowohl in den Umhang als auch ins Wasser. Er will wieder sowohl in Schale als auch der Erste sein. Luft und Wasser werfen dort keine Probleme auf. Die anderen kümmern sich erstmal um Boot und Netz. Als alle an Land sind, ist das Frühstück fertig: Kohlefeuer, Brot, Fisch, Berge im Licht, Sonne am Himmel und Silber auf dem See. Jesus brauchte, seine Jünger zu nähren, eigentlich nichts. Er hatte alles da, aber er bescherte ihnen vorher noch einen guten Fang, was wahrscheinlich zur guten Stimmung nötig war. Und er riet: "Bringt von eurem Fang noch etwas dazu, denn der war ja sehr gut." Das Netz konnte reißen, aber es riß nicht. Bald hielten sie Brotzeit wie im Traum. "Damals", werden manche gedacht haben, "mußten wir mit 5 Broten und 2 Fischen eine Menge Leute satt bekommen, und wir schafften es. Heute haben wir nach finsterer Nacht und nur zu acht Nahrung in Hülle und Fülle." Keiner stellte Fragen. Sie wußten, wer hier wieder Gastgeber war, und Jesus nahm das Brot und gabs ihnen und desgleichen, nicht einen Wein, sondern die Fische, Fisch von jeher das Symbol für: Jesus ist der Christus, als Sohn Gottes der Retter. Das griechische Wort für Fisch "ICHTHYS" läßt in seinen Anfangsbuchstaben diesen ins Deutsche übersetzten Satz als Wortspiel herstellen.

Das war nun das dritte Mal, das Jesus sich zeigte. Das sollte genügen, dass sie von nun an mit Tischgemeinschaft in seinem Namen nie mehr ließen, und sie wurden bald mehr als sieben.  Diese Auferstehungsgeschichte spielt wieder dort, wo sie alle hergekommen sind. Vom Ufer und aus dem Umland dieses außergewöhnlichen Sees in einer Mulde 200 m unter Meereshöhe, Süßwasser und lebensreich, der Norden des Landes Israel: Jesus aus Nazareth, Nathanael aus dem Dorf Kana, Petrus und die meisten anderen direkt vom See, nicht mehr die Hauptstadt im Süden, ja, das Tote Meer hat auch außergewöhnliche Reize, aber es macht auch seinem Namen alle Ehre.

Durch das Osterfrühstück am See wird so viel Mut gemacht, gekommen sind die Sieben aus rabenschwarzer Nacht, ob das nun eine einzige war ohne Fangerfolg, oder ob es die ganze rabenschwarze Zeit in Jerusalem gewesen ist mit dem Verrat des Judas, des Petrus, des schreienden Volkes, der Machtintrigen, der Folter- und Henkersknechte, der Mörder an Jesu Seite, der Weinenden, der Weggelaufenen, der ganzen Passion. Es war rabenschwarze Zeit. Hier am See sind sie nur noch sieben. Das ist zwar auch eine symbolschwere Zahl, aber sind nicht noch mehr verschwunden als nur Judas? Es scheint so. Einerseits bleiben die Menschen wie sie sind: Treue auch in schweren Zeiten ist nicht so leicht. Aber dieses Frühstück am See, was gibt es Schöneres?

Merkwürdig immer wieder die Differenzierung des Auferstehungserlebens zwischen einer Frauen- und einer Männerwelt.

Am leeren Grab die Frauen mit Angst und Bedenken, aber Treue zu ihrer Arbeit, den Toten zu balsamieren. Es kommt nicht dazu. Engel, Gespräche, ein Spiel zwischen Distanz und Nähe, ein Liebesbekenntnis: "Jesus, mein Gärtner!"

Hier die Männerwelt: Vielleicht weniger furchtsam, aber öfter sauer wegen aller Arbeit und Mühe, ewig Brot und Fisch ranschleppen zu müssen, bei Nacht die Natur zu überlisten, also auch treu in ihrer Arbeit, und die kommt genauso wenig zum Ziel wie das Einbalsamieren bei den Frauen.

Aber der Auferstandene kommt in ihre Welt: Zu den Frauen als ein Gärtner und zu den Männern mitten in ihrem erlernten Beruf und hat für sie, wie manche liebende Frau, die Freude schon fertig, bratfertig, an diesem Morgen. Rings um das Frühstück sind sie wieder beisammen wie sie immer beisammen gewesen sind. Ihre Konkurrenzen sind vielleicht geblieben. Unter den sieben ist der sogenannte Liebling. Ihm fällt - wie gewohnt - wieder die Ostererkenntnis, wer da am Ufer steht, wie von selbst zu. Deshalb stürzt er sich nicht gleich ins Wasser. Er hat ja längst gesehen, wer dort ist. Die Überprüfung überläßt er anderen. Er ist sich auch so sicher. Ob das den anderen gefällt? Petrus macht einen Hechtsprung ins Wasser. Blind vor Spontanität läßt er die anderen mit dem schweren Netz und dem Boot sitzen. Die Arbeit ist ihm jetzt völlig egal. Er muss los, und wenn das die anderen nicht einsehen, haben sie Pech gehabt. Er muss Erster sein, schneller als das Boot. Die anderen bleiben besonnen bei Boot und Netz. Man war doch nur noch eine Rufweite vom Ufer weg, also brauchte man doch den eben errungenen Fang nicht zu gefährden. Kann sein, dass Petrus dazu später noch ein Wörtchen einzustecken hat.

Zu guter Letzt, und das gute Letzte ist das bereite Osterfrühstück in Anwesenheit des Herrn, wird nicht mehr behandelt, wer Liebling, wer Schnellster, wer Praktischster war. Ohne Diskussion wird gegessen und genossen.

Kann sein, dass die verschiedenen Charaktere der Fischer nicht nur in der Person von Einzelmenschen, sondern auch in den Frömmigkeitsstilen ganzer Christengemeinden, die sich ja bald fanden, widerspiegeln. Aus Kleinasien ist in der Offenbarung von den sieben Gemeinden die Rede. Da gab es die glücklichen Lieblinge, die auf einer Insel im Kloster leben, die verschattete Welt nicht mehr anfocht. In Christusmystik führten sie in einer Synthese aus Gebet und Arbeit ein eigentlich glückliches Leben. Dann gab es die Petrusgemeinden, die wohl immer bereit waren, sich in Wellen zu stürzen, die der Wind des Weltgeschehens aufwarf. Und es gab gewiss genügend Gemeinden, die machten erst einmal das Machbare, und damit genug. Ist das heute anders?

Die Freundinnen Jesu leben, die männliche Tafelrunde am See lebt. Vor allem aber lebt der Herr von allen beiden.

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